KDFB
03.07.2017

Kirche: "Männerwelt mit Decken aus Beton"

Gestalteten das Programm des Bundesfestes (v.l.): Dompropst Tobias Przytarski, Diözesanvorsitzende Prof. Barbara John und Bettina Jarasch vom Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen. Fotos: H. Neubrand/KDFB Berlin

Das Festreferat mit dem Titel „Frauen, Macht, Politik“ hielt Bettina Jarasch, Mitglied des Bundesvorstands von Bündnis 90/Die Grünen sowie Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, vor rund 65 Gästen im Foyer des Hauses Helene Weber. Dompropst Tobias Przytarski segnete das Haus. Anschließend gab es angeregte Gespräche bei einem Imbiss und Live-Musik der Frauenband „Les Belles du Swing“.

Über frauenfördernde Strukturen und informelle Männerseilschaften

Die grüne Frauenquote und das grüne Frauenstatut verändern die Wirklichkeit, führte Bettina Jarasch beim Festreferat aus: So haben die Grünen mit knapp 39 Prozent die meisten weiblichen Mitglieder aller Parteien in Deutschland und in der Bundestagsfraktion seien mehr als die Hälfte der Abgeordneten weiblich. Doch:

„Lebt man als grüne Frau also auf einer Insel der Glückseligen? Meine Antwort, Sie ahnen es: Nein! Je mehr formelle frauenfördernde Strukturen es gibt, desto informeller werden die Männerseilschaften – desto intransparenter und unzugänglicher. […] Und auch bei uns gibt es das typische Modell: Ein älterer erfolgreicher Mann fördert eine junge Frau, wissend, dass sie ihm in seiner eigenen Laufbahn nie gefährlich werden kann – und instrumentalisiert sie im Konkurrenzkampf gegen Frauen seines eigenen Alters, die ihm gefährlich werden können: Das erschwert Bündnisse unter Frauen“, so Jarasch.

Sie plädierte u.a. für einen solidarischen Feminismus„sonst ist er nur eine neue Form von Gruppenegoismus. Feminismus in diesem Sinne geht es um mehr als um die „Hälfte der Macht für Frauen“. Es ist ein emanzipatorischer Politikansatz: Es geht um Empowerment, Selbstwirksamkeit, die Offenheit und die Möglichkeit für alle, ihre Talente zu entwickeln und sich einzubringen. Feminismus ist Politik der Vielfalt. Und das ist nicht ideologisch, sondern wieder ganz rational: dass einer Gesellschaft etwas fehlt, wenn die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung davon ausgeschlossen ist, diese Gesellschaft mitzugestalten, ist eine schlichte logische Folgerung. Die Dominanz einer Gruppe ist nie gut für eine Gesellschaft.“

Forderungen an die Männerwelt Kirche

Jarasch, die auch Pfarrgemeinderatsvorsitzende von St. Marien Liebfrauen in Kreuzberg ist, nahm auch die Kirche in den Blick:

„Als Katholikinnen sind wir in der Auseinandersetzung mit dem grassierenden Rechtspopulismus umso mehr gefragt, als es zwischen bestimmten Kreisen in der katholischen Kirche bzw. manchen Auslegungen der katholischen Lehre und den Rechten Berührungspunkte gibt: zum Beispiel die Kritik an einer Pädagogik der sexuellen Vielfalt und den Umgang damit im Lehrplan der Schulen, auch Aktionen wie die „Woche für das Leben“: Ich erwarte, dass meine Kirche hier klar Stellung bezieht und sich deutlich abgrenzt, zumindest aber sich mit der Frage auseinander setzt, wie es zu solcher Nähe kommen kann."

Sie betonte weiter: „Und als politische – und gläubige – Frauen gibt es auch in der eigenen Kirche sehr viel zu tun! Unsere Kirche ist eine Männerwelt, hier gibt’s keine gläsernen Decken, bei uns sind die Decken noch aus Beton! (…)“

Weitere Auszüge der Rede können Sie hier herunterladen: PDF-Dokument