KDFB
23.02.2018

Gendermedizin: Aufklärung und Eigeninitiative gefragt

Dr. Ute Seeland verdeutlichte beim KDFB Berlin die Herausforderungen der Gendermedizin.

Die Gendermedizinerin und Fachärztin für Innere Medizin Dr. Ute Seeland erläuterte in ihrem Vortrag am 22. Februar anschaulich, was in Sachen Gendermedizin leider noch nicht gängiges Wissen ist. Als Mitarbeiterin des 2003 gegründeten Institutes für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) der Charité-Universitätsmedizin ist ihr Gegenstand eine „geschlechtersensible Medizin, die gerade Frauen betreffend auf die verschiedenen Lebenszyklen eingeht“.

Die biologischen Unterschiede seien in der Wissenschaft lange Zeit komplett ignoriert worden. Dr. Ute Seeland zitierte dazu die amerikanische Wissenschaftlerin E.C. Hayden: „Der typische Schmerzpatient ist über 55 Jahre alt und weiblich. Das typische Forschungsobjekt in der Pharmazie ist jedoch eine acht Wochen alte männliche Maus.“ (Nature, 2010)

Es fehlt (auch) an Wissen, erfuhr das Publikum: So halten Frauen etwa in Umfragen Krebs für die weibliche Haupttodesursache und attestieren Männern ein höheres Herz-Kreislauferkrankungs-Risiko. Damit liegen sie jedoch falsch, denn Herz-Kreislauferkrankungen sind die Haupttodesursache bei Männern und Frauen – und es sterben sogar mehr Frauen als Männer daran.

Krankheiten äußern sich bei Frauen und Männern unterschiedlich

Dr. Seeland verdeutlichte anhand anschaulicher Beispiele: Es gibt Krankheiten, die sich komplett anders bei Männern und Frauen äußern. Das wird in der medizinischen Ausbildung bislang noch nicht ausreichend berücksichtigt. Und: Frauen müssen – sicher auch der bislang einseitig betriebenen Forschung geschuldet – mit deutlich mehr Arzneimittelnebenwirkungen rechnen als Männer. Da dies nach wie vor kein gängiges Wissen ist und die Interessen etwa der Pharmazie andere sind, ist die Arbeit des Institutes für Geschlechterforschung umso wichtiger.

Appell an die mündige Patientin

Dr. Seeland appellierte an die Eigeninitiative der Zuhörenden: Männer wie Frauen sollten ihre Ärztin oder ihren Arzt nach geschlechterspezifisch unterschiedlichen Wirkweisen eines Medikamentes befragen. Zudem solle man auftretende Nebenwirkungen unbedingt benennen. Damit könne man auch als Patienten zu einer dringend nötigen, weiteren Sensibilisierung beitragen.

Ein weiteres Thema des Vortrags war die „Häusliche Pflege im Alter“. Dr. Seeland führte aus, wie groß die Anerkennung für pflegende Männer ist und wie viel Hilfsangebote sie erhalten, während Frauen eher unter dem Druck der gesellschaftlichen Erwartungshaltung leiden. Was die Pflege selbst betrifft, könnten Frauen durchaus von pflegenden Männern lernen, die etwa ihre Außenorientierung nicht aufgäben und den Fokus hätten, weiter am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.