KDFB

So geht Frauen-Solidarität!

© Engagiert Juni-Ausgabe

Wenn Frauen zusammenstehen, können sie (fast) alles bewegen. Trotzdem fällt es ihnen oft schwerer als Männern, untereinander solidarisch zu sein. Warum das so ist und wie kluge Frauen es ändern können, lesen Sie hier.


Ein Beitrag aus der Juni-Ausgabe der "engagiert" zur KDFB-Kampagne „bewegen!“

Von Susanne Zehetbauer

Was gab es nicht alles in der Frauenbewegung der 70er- und 80er-Jahre: Frauenprojekte, Frauenfeste, Frauenfilme. Frauenbücher, Frauenverlage, Frauengruppen ohne Ende: Svende Merians „Tod des Märchenprinzen“ und die erste Bundesfrauenministerin Rita Süßmuth, die manchen zu zaghaft, anderen zu forsch agierte. Erbitterte Diskussionen über Hausarbeit, Familienarbeit, Sexarbeit. Über den weiblichen Körper als männliches Lustobjekt. Über Gewaltbeziehungen und Männer als Täter. Über Rollenbrüche, die Feministinnen den Ruf einbrachten, hässliche Emanzen oder Männerhasserinnen zu sein. Über Wallehaar und Raspelschnitte, lila Latzhosen, BHs, die in die Tonne flogen, und unrasierte Achselhöhlen. Und überall gab es das Frauenzeichen – als Anhänger am Ohrring, als Sticker an der Lederjacke, aufgemalt auf Umhängetaschen und Toilettenwänden.

„Wenn heute über die Zeit damals gelästert wird, gerät bisweilen aus dem Blick, wie notwendig all die Grenzüberschreitungen waren“, sagt die emeritierte Professorin Ute Gerhard. Die 80-jährige Juristin und Soziologin ist eine der großen alten Damen der Frauenforschung und war von 1987 bis 2004 in Frankfurt am Main die erste Inhaberin eines Lehrstuhls für Frauen- und Geschlechterstudien an einer deutschen Universität. „All die Gruppen, Projekte und Protestveranstaltungen schufen aber eine Gegenöffentlichkeit, die Medien und Politik zwangen, sich mit der Geschlechterfrage aus­einanderzusetzen. Diese Solidarität unter Frauen war für die Schubkraft der Frauenbewegung von ganz entscheidender Bedeutung“, so Gerhard.

Solidarität. Der Begriff stammt aus der französischen Revolution, griff über auf die ArbeiterInnenbewegung. Auch die historische Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts, die für das Wahlrecht und den Zugang zu Bildung und Erwerbsarbeit kämpfte, appellierte an die Solidarität der Frauen. Schon damals begriffen unerschrockene Frauenrechtlerin- nen, sagt Ute Gerhard, dass sie „eines gemeinsam hatten, und zwar über alle politischen Systeme, Klassen und Schichten hinweg: Sie galten für die Haus- und Familienarbeit als zuständig, und in dieser geschlechterungerechten Arbeitsteilung lag der Urgrund, warum Frauen benachteiligt, unterdrückt oder ausgebeutet wurden.“ Das Private begann schon damals politisch zu werden. Ein Wir-Gefühl wurde geboren, ein Bewusstsein für eine kollektive Identität der Frauen.

Heute erscheint das Wort „Frauensolidarität“ vielen als seltsam altertümlich, und die Solidarität unter Frauen ist brüchig geworden. Viele, gerade junge, Frauen wehren dieses Wir-Gefühl ab und wollen nicht vereinnahmt werden. Denn es widerspricht ihrem Selbstverständnis, ihr Leben aus eigener Kraft erfolgreich gestalten zu können. Quoten und Unterstützung meinen viele nicht zu benötigen. „Aber das stimmt nur bis zu dem Punkt, an dem sie einem Beruf nachgehen und gleichzeitig eine Familie haben und für Kinder, alte Eltern oder kranke Familienmitglieder sorgen, die Hilfe und Unterstützung brauchen“, sagt Gerhard. „Wir erkennen heute: Mit gleichen Rechten für Frauen in der Arbeitswelt und der Schaffung von ein paar Kita-Plätzen ist noch nicht viel geleistet und gelöst.“

Denn der Knackpunkt jeder Frauenbiografie ist die Fürsorge-Arbeit. An ihr zeigt sich ein eklatanter Konstruktionsfehler des deutschen Sozialstaats, denn sie wird in der Sozialpolitik weitgehend ignoriert. Und das, obwohl jeder Mensch immer wieder auf Fürsorglichkeit, Pflege und Unterstützung angewiesen ist – als Kind sowieso, aber auch in Krankheit oder im Alter. Gerhard: „Diese unentbehrliche Arbeit ist die Grundlage für jede Gesellschaft, und ihr Beitrag ist immens. Sie ist keine Privatangelegenheit. Trotzdem findet sie keine annähernd ausreichende Unterstützung.“

Eine gerechte Organisation der Fürsorgearbeit ist daher für Gerhard wie für viele andere Sozialwissenschaftlerinnen die heute entscheidende frauenpolitische wie sozialstaatliche Herausforderung – hierzulande und weltweit. Denn die Fürsorge-Arbeit, in der Wissenschaftssprache „Care“ genannt, wird immer noch vor allem von Frauen geleistet – von unbezahlten Frauen in der Familie und von schlecht bezahlten Frauen in Pflegeberufen und Haushaltsdienstleistungen. Wieder, wie in den ersten Wellen der Frauenbewegung, ist es diese Familienarbeit, die den Ankerpunkt für die Benachteiligung und Ausbeutung von Frauen bildet: Frauen, die auf Sozialgeld angewiesen sind, weil sie pflegen. Frauen, die nicht fürs Alter vorsorgen können, weil sie Kinder erziehen oder sich um kranke und alte Menschen kümmern. Frauen, die ihre Familienarbeit nicht mit existenzsichernder Erwerbstätigkeit oder gar Karriere vereinbaren können, die als Krankenschwester oder Altenpflegerin kaum von ihren verantwortungsvollen Jobs leben können: „Das kann uns als Gesellschaft nicht egal sein!“, sagt Gerhard. „Wir brauchen eine Revolution im politischen Denken, wir brauchen die Integration der Care-Arbeit in die sozialstaatlichen Zusammenhänge. Und wir brauchen eine Revolution in unseren Alltagsgewohnheiten, die Männer ebenso in die Fürsorgearbeit einbindet wie Frauen. Wir brauchen dazu die Solidarität von Frauen.“

Sei doch mal solidarisch!

Knüpfe Netzwerke und entdecke Gemeinsamkeiten

Beruflich und in der politischen Arbeit scheint alles klar: Wie wichtig es ist, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, um voranzukommen – das steht in jedem Karriereratgeber. In Vergessenheit gerät dagegen, wie bedeutsam das Netzwerken auch für die Frauensolidarität ist: In den 60er- und 70er-Jahren bildeten sich Frauengruppen, die einen Verständigungsprozess über die gemeinsamen Erfahrungen in Gang brachten und, so die Soziologie-Professorin Ute Gerhard, „zum Thema machten, was eigentlich selbstverständlich war und trotzdem Grund für die mangelnde Gleichberechtigung: dass die Arbeitsteilung in den Familien ungerecht war, dass sie systematisch zu Abhängigkeiten führte und dass dieses Abhängigkeitsverhältnis der Urgrund aller weitere Nachteile ist, die Frauen haben.“

Sag lieber nichts, statt zu lästern!

Frauen lästern häufiger als Männer – vor allem übers Aussehen und Styling anderer Frauen. Doch Vorsicht! Wer lästert, schwächt nicht nur den Zusammenhalt unter Frauen, sondern gibt unfreiwillig Schwächen preis. Psychologen wissen: Lästern ist Ausdruck eines niedrigen Selbstwertgefühls.

Sag was gegen sexistische Sprüche!

Gibt es Sexismus hierzulande überhaupt noch? Schließlich arbeiten Frauen als Managerinnen, Professorinnen, Ministerinnen – und eine Frau ist seit 14 Jahren Bundeskanzlerin. Tatsächlich haben sich die Rahmenbedingungen für Frauen in den vergangenen Jahrzehnten stark verbessert – vor allem in rechtlicher und beruflicher Hinsicht.

Aber: Nach dem Ungleichheitsindex der Vereinten Nationen lag Deutschland im Jahr 2017 auf Platz 14 – abgeschlagen hinter den weitaus besser abschneidenden skandinavischen Ländern, der Schweiz, aber auch hinter Slowenien und Singapur.

Der Erhebung zufolge ist in keinem untersuchten Land Gleichstellung erreicht: Frauen sind überall auf der Welt in Führungspositionen und Parlamenten unterrepräsentiert, übernehmen überall mehr Pflege und haben in allen Ländern eine niedrigere Lebensqualität als Männer. Diese objektive, strukturelle Benachteiligung spiegelt sich auch im alltäglichen Sexismus wider, der noch längst nicht überwunden ist: in Abwertungen von Frauen, Diskriminierungen, in Rollenklischees, in sexistischer Werbung, in Übergriffen, Belästigungen bis hin zu sexualisierter Gewalt. Laut einer Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes von 2015 haben mehr als die Hälfte aller Beschäftigten im Job schon Situationen erlebt, die rechtlich als sexuelle Belästigung gelten.

Der Unternehmensberater und katholische Theologe Peter Modler bestätigt das: „Ich höre immer wieder aus allen Branchen, dass Frauen trotz großer Fähigkeiten klein gemacht werden“, sagt Modler, der Führungskräfte zum Thema „Machtspiele“ coacht, vor allem Frauen in Führungspositionen. Er berichtet über die „tiefe Irritation bis hin zu fast traumatischen Erlebnissen durch die Übergriffe männlicher Kollegen, Vorgesetzter, Mitarbeiter und Kunden“, denen Frauen auch heute noch ausgesetzt sind. Es ist auch eine Frage der Frauensolidarität, nicht stumm zuzuschauen.

Modler bezieht sich in seinen Coachings und Büchern auf die amerikanische Sprachwissenschaftlerin Deborah Tannen, die die kommunikativen Unterschiede zwischen Männern und Frauen erstmals wissenschaftlich beschrieben hat. Pauschal gesagt: Frauen geht es um Zu­gehörigkeit und um Beziehung, Männern zunächst mal um Rangordnungen und um Macht. Sexualisierte Übergriffe und sexistische Bemerkungen sind diesem Verständnis nach vorwiegend maskierte Machtkämpfe.

Und so sollte man ihnen auch begegnen: die Rangordnung wiederherstellen. Eine von Modlers Regeln lautet: „Je einfacher man reagiert, umso wirkungsvoller ist das meistens.“ Bei einem verbalen sexistischen Übergriff nicht lange mangelnde Schlagfertigkeit bedauern – denn es verschlägt einem ja meist eh die Sprache. Sondern das Gegenüber fixieren und ganz langsam, mit vielen Pausen „Nein“ sagen: „So… reden… wir… nicht… mit… Frauen. Ist… das… klar?“ Sollte es der Mann wagen, nachzulegen: einfach den Satz wiederholen. Er wird ihn kapieren, weil er auf seinen Rang verwiesen wurde.

Schau hin, wo Frauen in Not sind!

Hinschauen, wo Frauen in Not sind, sich bewegen lassen, nicht gleichgültig bleiben: Im KDFB findet sich überwältigende Hilfsbereitschaft. Das zeigt sich in vielfältigem Engagement und in unzähligen Spendenaktionen auf allen Verbandsebenen. KDFB-Frauen begleiten Trauernde, besuchen Ältere und Kranke. Sie spenden Zeit und oft auch viel Geld. Allein die Solibrot-Aktion hat seit 2013 über 430000 Euro für Misereor-Projekte in Afrika, Lateinamerika und Asien erbracht. Weit über tausend Herzkissen wurden seit Anfang 2018 von Frauenbundfrauen genäht, um Brustkrebspatientinnen im Münchner Rotkreuzklinikum die Schmerzen nach einer Brust-OP zu erleichtern. Mehr als 100000 Euro kamen für die Kinderhospize im Allgäu und in Olpe vor einigen Jahren zusammen – Zeichen der Solidarität mit schwerstkranken Kindern und ihren Müttern, Vätern und Geschwistern. Für traumatisierte Flüchtlingsfrauen und Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution wurden ebenso Spenden gesammelt wie für die Renovierung der Frauenfriedenskirche in Frankfurt – auch das ein Ausdruck der Frauensolidarität. Mitmachen ist jederzeit möglich!

Fördere andere Frauen und überwinde Neid!

Es ist ein Trauerspiel: Durchaus nicht immer können sich Frauen darauf verlassen, dass andere Frauen sie unterstützen. Frauen, das ist die bittere Realität, die in vielen Studien bestätigt wurde, sind Frauen gegenüber weder friedfertiger noch weniger aggressiv als Männer. Sie sind nur anders aggressiv: eher auf der Beziehungsebene, eher durch sozialen Ausschluss, eher durch Mobbing und durch Intriganz.

Die Soziologieprofessorin Ute Gerhard sieht darin vorwiegend ein Konkurrenz-Problem: „Positionen, die wir Frauen erreichen können, sind nach wie vor rar. Der Neid unter Frauen ist ausgeprägter, weil es so wenige gibt, die alles gleichzeitig schaffen. Da missgönnt die eine der anderen, dass sie erfolgreicher ist. Das bedroht sofort die eigene Position.“

Männer machen das nicht oder nicht so ausgeprägt, so Gerhard. Für sie gehöre Konkurrenz einfach zum Alltag. Zudem werde es auch eher akzeptiert, wenn Männer sich streiten. „Aber wenn Frauen sich streiten, sind sie sofort zickig. Da­bei muss man doch nicht immer einer Meinung sein mit allen anderen Frauen der Welt – das ist doch Quatsch!“

Frauen, die die Solidarität unter Frauen fördern möchten, kommen daher um dieses unangenehme Thema nicht herum. Der erste Schritt, es zu anzugehen: sich selbst zu prüfen und sich bewusst zu machen, warum man sich so schwer tut, eine Kollegin, Mitarbeiterin (oder Mitschwester im Frauenbund) zu fördern und ihren Talenten Raum zu geben. Spielt Neid eine Rolle? Weil sie mehr weiß, besser ankommt, jünger ist, anderswo schon Erfolg hatte? Wird sie – etwa als Nachfolgerin im Zweigvereinsvorstand – manches verändern? Gefährdet sie das eigene Werk?

Das Selbstbewusstsein vieler Frauen ist durch Konkurrenz leicht zu erschüttern – und neidisch wird, wer sich selbst als ungenügend empfindet. „Dabei ist Neid normal und sehr menschlich“, erklärt Thomas Mussweiler, Professor für Organisationspsychologie an der London Business School. Und auch der Kölner Sozialpsychologe Jan Crusius sagt: „Neid lauert überall und entsteht spontan und auch gegen unseren Willen.“ Für Crusius ist die gute Nachricht aber, „dass wir nicht dazu verdammt sind, diesem Impuls zu folgen. Wir können dem Neid durch Selbstkontrolle entgehen.“

Respektiere Lebenslinien, auch wenn sie anders sind als deine!

Sie sind der Dreh- und Angelpunkt der Frauenbewegung, ihr Hauptkrisenherd und Kampfschauplatz für die Frauensolidarität. Anlass für erbitterte Gefechte seit Jahrzehnten: Frauenbiographien.

 „Es ist verrückt“, sagt die Professorin Ute Gerhard. „Familienfrauen müssen sich bis an ihr Lebensende dafür verteidigen, dass sie nicht berufstätig und damit finanziell abhängig sind von ihren Männern. Die anderen müssen sich verteidigen, dass sie berufstätig sind, und stehen unter dem Verdacht, ihre Kinder vernachlässigt zu haben. Dieser ewige Streit ist verheerend für die Frauenbewegung.“

Aber warum wird er so erbittert geführt? Ute Gerhard: „Es geht bei den Frauen um ihre gesamte Existenz. Wenn man heute nicht berufstätig ist als Frau, hat man es schwer mit der gesellschaftlichen Anerkennung. Diejenigen, die nicht anders können oder die Pflegeaufgaben haben, werden nicht wertgeschätzt. Männer berührt diese ganze Problematik nicht in ihren Karrieren, die haben diese Unterschiede und Gegensätze nicht.“

Männer erleben nicht die inneren Krisen, wenn ein Kind krank ist oder in der Schule absackt, nicht

das schlechte Gewissen, weil man die alten Eltern schon seit drei Wochen nicht besucht hat, weil der Garten verwildert oder der Gehweg nicht gefegt ist. Nicht die Sorge vor einer lächerlichen Rente, die nicht zum Leben reicht, nicht die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen, wenn der Mann arbeitslos oder krank wird oder wenn die Ehe zerbricht und die Kinder allein aufgezogen werden müssen. Nicht den Balanceakt und das dauernde Gefühl, nichts und niemandem gerecht zu werden. Am wenigsten sich selbst.

Es gilt also, endlich Respekt füreinander aufzubringen – für Familienfrauen ebenso wie für Erwerbs­tätige. Denn solange die Familienarbeit, die Erziehung und die Pflege, von der, wie Ute Gerhard sagt, „das ganze Wohl der Gesellschaft abhängt“, nicht geschlechtergerecht aufgeteilt und vom Staat nicht ausreichend unterstützt wird, sitzen Frauen alle in einem Boot. Ganz egal, ob sie berufstätig sind oder nicht, egal woher sie kommen und wie gut sie ausgebildet und aufgestellt sind: Sie sind es, die die Folgen ausbaden. Gerhard: „Das geht bis in unsere Haushalte hinein, wo wir uns die schwarz arbeitende Migrantin als Putzhilfe holen oder die polnische Betreuungskraft für den 90-jährigen Vater und uns mit unserem verdienten Geld von der Arbeit freikaufen, die wir nicht mehr tun können. Tatsächlich können wir ja nur arbeiten, wenn wir diese Zusatzhilfen haben. Dass deren soziale Bedin­gungen aber katastrophal sind und dass sie im Alter garantiert in der Armut landen, auch das muss uns interessieren!“